Klausurtage und wenig kompetente Professorinnen

Klausurtag.
Etwas aufgefühlt saß ich im Hörsaal und wollte eigentlich nur noch, dass es endlich beginnen würde. Man sollte meinen, diese Klausur würde ein Witz werden. Nicht wirklich anspruchsvoll. Doch es gibt Menschen, denen traut man alles zu und meine Dozentin für jene Vorlesung zählt zu den Menschen. Ich mag sie nicht. So überhaupt gar nicht. Manchmal sind mir Menschen suspekt. Und an manchen Tagen empfinde ich sogar ein wenig Abneigung für Menschen. Menschen generell. Weil ich oft finde, dass Menschen wahnsinnig einfältig und dumm sind. Weil ich finde, dass Menschen glauben, ihnen würde die ganze Welt gehören und dabei nicht realisieren, dass sich nicht alles um sie dreht.
Das sind die Tage, an denen ich auch etwas Abneigung mir selbst gegenüber empfinde, weil ich dann wieder mal zu der Erkenntnis komme, dass ich auch nichts weiter bin als ein dummer, einfältiger Mensch.

Sie kam also in den Hörsaal mit ihrem sorgfältig sitzenden Kostüm, adrett gekleidet wie immer. Das mit Lippenstift umrahmte Lächeln, das sie sogar dann im Gesicht lässt, wenn sie gerade jemanden beleidigt oder persönlich angreift, hatte sie natürlich auch nicht vergessen. Allein diese Gekünstelheit löst pure Abneigung in mir aus. Jeder weiß, dass sie ein ziemlicher Drache ist, da hilft ihr so ein Lächeln leider auch nicht mehr. Das macht es höchstens schlimmer.

Neben mir saßen die beiden Menschen, die mir in der Uni zur Zeit das allermeiste bedeuten. Die Zeiten, dass ich von all den Menschen aus der Uni geschwärmt habe, sind schon lange vorbei. Die meisten Bekanntschaften sind nur noch Zweckbekanntschaften. Leute, die man fragen kann, wenn etwas ist und die einen im Gegenzug auch fragen. Leute, zu denen man sich in den Vorlesungen setzen kann, damit man dann nicht so allein ist und die es andersrum nicht anders machen.

Aber bei diesen beiden Menschen ist es etwas anderes. Ich empfinde große Zuneigung zu den beiden, weil es mit ihnen leichter ist als mit all den Zweckbekannten, die ich zwar mag, aber die mich innerlich so oft verunsichern, weil sie doch irgendwo zu einer ganz anderen Welt gehören als ich. Bei den beiden Menschen handelt es sich um Mr. Easy und Mr. Unkind (früher auch mal bekannt als der Neckende).
So näher man jemanden kennen lernt, um so mehr lernt man seine Eigenarten kennen. Bei beiden kann ich nicht sagen, wir wären gute Freunde oder dergleichen. Wir sind Menschen, die sich gut verstehen.
Mr. Easy ist der faulste Mensch, den ich aus der Uni kenne und das finde ich super. Gerade in den ersten beiden Semestern war ich oft verunsichert, weil alle anderen viel mehr gemacht hatten als ich. Mr. Easy und ich sind da etwas mehr auf einer Wellenlänge. Ich nehme zwar immer alles furchtbar ernst, aber jemand wie er, der alles locker und leicht nimmt, ist da oft eine angenehme Abwechslug. Übrigens: Mr. Easy schafft trotzdem immer alles mit guten Leistungen.
Mr. Unkind mag ich bereits, seit ich ihn das erste Mal gesehen habe. Das klingt sehr oberflächlich, aber er war mir vom ersten Moment an sehr sympathisch. Allerdings erinnere ich mich auch daran, dass ich am Anfang immer etwas Komplexe hatte, weil ich dachte, er kann mich nicht leiden. Die Wahrheit über Mr. Unkind ist, dass er die Eigentümlichkeit besitzt, seine Zuneigung durch Beleidigungen und anderen Gemeinheiten auszudrücken. Ich kann mittlerweile besser damit umgehen. Ich weiß mittlerweile, wann ich ihn ernst nehmen muss und wann nicht. Wir teilen uns einen ähnlichen Humor, der manchmal in grenzemlosen Schwachsinn endet, und damit sind Begegnungen mit Mr. Unkind immer die reinste Erheiterung für mich.

Etwas nervös saß ich zwischen Mr. Easy und Mr. Unkind. Mr. Easy meinte noch, ich solle mir nicht so Sorgen machen. Das sagte mir der Mensch, der noch weniger gelernt hatte als ich. Mr. Unkind war generell etwas erheitert und dachte wohl ähnlich wie ich, dass die Situation ein Spaß werden würde. Auf die sarkastisch-üble Art und Weise.
Die Frau Professorin stellte sich vorne an das Rednerpult und erklärte uns die Regeln. Kaum hatte sie die ersten Worte gesprochen, brachen Mr. Unkind und ich in ungeniertem, sarkastischem Lachen aus. Die Frau Professorin hat einige interessante Charakterzüge. Dazu gehört nicht nur ihre Hinterhältigkeit, sondern auch ihre generelle Inkompetenz: 1. Sie benutzt Fremdwörter grundsätzlich in völlig falschen Zusammenhängen. 2. Sie redet über Literatur und erzählt völlig falsche Dinge über die Inhalte verschiedener Bücher. 3. (und jetzt wird es wichtig!) Noch weniger als all das liegen ihr Organisation, Logik und Vorausschaubarkeit.

Die Frau Professorin erklärte uns jedenfalls, sie würde uns im Folgenden aufrufen und wir sollten dann schön einzeln nach vorne kommen und uns unseren Klausurbogen abholen. Wer mal studiert hat oder es noch immer tut oder allgemein mal in einem Hörsaal war (mit etwa vierzig Menschen plus/minus, vermutlich eher mehr), weiß, dass das absolut hohl ist. Sie nannte jedenfalls die Namen von A bis Z und bei jedem einzelnen Namen durften meistens noch mal vier oder fünf weitere Menschen aufstehen, wenn die Person, die aufgerufen wurde, gerade in der Mitte von der Reihe saß. Sehr intelligent. Hätte man wenigstens gewusst, wofür dieses Verfahren gut sei, hätte man sich vielleicht noch trösten können.
Wäre das noch nicht genug gewesen, verkündete Frau Professorin uns ebenfalls, wir würden nur einen Klausurbogen bekommen, falls wir noch einen haben wollen würden, sollten wir doch bitte nach vorne kommen. Noch mal zur Erinnerung: Wir schrieben eine Klausur in einem Hörsaal, der aufgebaut war, wie so ein Hörsaal normalerweise aufgebaut ist, eine große Reihe von Klappstühlen. Wenn da jemand aus der Mitte aufstehen will, müssen einige Menschen aufstehen - und das in einer Klausur.

Mr. Unkind und ich fantasierten laut - eigentlich hätten wir bereits schweigen sollen. Ich fand die Vorstellung unheimlich lustig einfach für die Situationskomik über die Reihen zu springen, geradewegs auf die Frau Professorin zu, um mir einen weiteren Papierbogen zu holen. Letztendlich war es so, dass ein anderer Mensch meine Fantasie zumindest in sofern verwirklicherte, dass diese Person aus der Mitte heraus über die verschiedenen Menschen halb drüber geklettert war, um sich weiteres Papier zu holen. In dem Moment konnte selbst die Frau Professorin nicht mehr lächeln.

Letztendlich gab ich mit einem fast genauso falschen Lächeln, wie die Frau Professorin eins hat, meine Klausur (gemeinsam mit Mr. Unkind) ab. Sie fragte mich, wie es mir mit der Klausur ergangen sei und ich wusste, es interessierte sie genauso wenig wie die Frage, wer ich eigentlich bin. Klar, ich bin auch in ihrem Seminar, das nur aus siebzehn Menschen besteht. Tatsache ist, dass sie sich die Namen aller Menschen aus diesem Seminar merken kann, nur meinen nicht. Ich denke nicht, dass sie etwas gegen mich hat, ich bin ihr gegenüber ein höflicher, aber auch aufrichtiger Mensch. Nur weiß ich meine Aufrichtigkeit besser zu verwenden als manch andere Menschen. Ich schmeiße niemandem, der an einem längeren Hebel sitzt als ich (vor allem nicht, wenn es so eine nachtragende Person ist wie die Frau Professorin), verletzende Ehrlichkeit an den Kopf. Ich bin höflich und wenn ich eine Meinung vertrete, dann nur mit guten Argumenten, die man bloß nicht persönlich nehmen kann.

Ich verließ den Hörsaal mit einem breiten Grinsen. Die Klausur hätte schwieriger, aber auch leichter sein können. Sie war okay. Aber viel wichtiger waren mir all die Gefühle. Da war Mr. Unkind und draußen war Mr. Easy und alles zusammen war ich einfach glücklich, solche Menschen zu kennen und mich über solche Menschen wie die Frau Professorin aufregen zu können.

15.7.10 20:35
 


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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


lajellyberry / Website (16.7.10 11:05)
Juhu, endlich wieder ein Eintrag

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